„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ – Teil 24


„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ bietet eine Übersicht über Aufbau, Struktur und Gepflogenheiten des Rettungsdienstes in Deutschland. Hier geht es um das, was Interessenten und Neueinsteiger wissen sollten.

Zu „Teil 23 – Massenanfall von Verletzten (MANV)“ geht es hier.

Teil 24 – Die Luftrettung

Quelle: eigenes Werk.

Die Luftrettung stellt im deutschen Rettungsdienst eine besondere Form der Leistungserbringung dar – und sie ist wahrscheinlich die, die medial die größte Rezeption hat.

Mit Einsätzen von Rettungshubschraubern verbindet selbst ein Schulkind oft Action, schwere Verletzungen – und professionelle Hilfe.

Auch als bodengebundener Rettungsdienstler wird man, mal ganz besonders in ländlicheren Einsatzgebieten, immer wieder die Schnittstelle mit den „fliegenden NAWs“ erleben. Grund genug, sich die Arbeitswelt der Luftrettung mal genauer anzuschauen.

Ein historischer Abriss

Die Entwicklung der Luftrettung in Deutschland ist eng mit der Entwicklung des „modernen“ bodengebundenen Rettungsdienstes in Deutschland verknüpft.

Die Anfänge der Luftrettung lagen in einer Zeit, wo Fahrzeuge des Rettungsdienstes größtenteils noch mit rein organisationsinternen ausgebildeten Fahrern nach den Prinzipien der Rückspiegelrettung und „Diesel statt Doktor“ betrieben wurden. Der Rettungsdienst war ein „Blaulichttaxi“, mehr nicht.

Ausschlaggebend war vor allem die Zahl der Verkehrsunfälle in den 1960ern und 1970ern, die den unzureichend ausgestatteten Rettungsdienst an die Grenzen brachte.

Das Konzept, einen Arzt über ein großes Einsatzgebiet an die Unfallstelle zu bringen, war da schon revolutionär. Ursprünglich war die Luftrettung auf die Traumaversorgung ausgerichtet – vorzugsweise bei Verkehrsunfällen.

Gerade mit diesem „Haupteinsatzspektrum“ ist es wenig verwunderlich, das der ADAC als Interessenvertretung der Autofahrer nicht nur schnell in den Betrieb der Luftrettung einstieg, sondern ihn zu großen Teilen übernahm und maßgeblich prägte.

Nach den gravierenden Veränderungen des Rettungsdienstes in den 1970ern wuchs auch die Luftrettung mit ihren Aufgaben – es wurde nicht nur ein flächendeckendes Luftrettungsnetz parallel zum bodengebundenen Rettungsdienst aufgebaut, sondern auch das Einsatzspektrum erweitert.

Die Luftrettung heute

Einsatzspektrum

Die Luftrettung stellt heutzutage eine flächendeckende Ergänzung zum bodengebundenen Rettungsdienst dar. Alarmiert wird entweder primär gemäß der lokalen Alarm- und Ausrückeordnung bei bestimmten Notfallbildern oder auf Nachforderung des Rettungsdienstes vor Ort.

Das Einsatzspektrum umfasst heutzutage neben „klassischen“ traumatologischen Notfallbildern aber auch alle anderen Einsatzarten des Rettungsdienstes, inklusive internistischer und neurologischer Notfälle.

Einsatzindikationen sind beispielsweise

  • alle Einsätze mit Notarztindikation, insbesondere zeitkritische Einsätze
  • Notarztzubringer, wenn kein bodengebundener Notarzt zur Verfügung steht
  • Einsätze ohne Notarztindikation, wenn ein einsatztaktischer Vorteil besteht – zum Beispiel eine massiv kürzere Transportzeit (z.B. bei Schlaganfällen) oder Notwendigkeit eines besonders schonenden Transports (z.B. bei Wirbelsäulenverletzungen)
  • Transporte in weiter entfernte Spezialkliniken,
  • Unzugänglichkeit der Einsatzstelle – z.B. zur See, im Gebirge oder auch auf Autobahnen, wenn kein Durchkommen besteht.

Allerdings besteht keine unendliche Einsetzbarkeit – auch die Luftrettung gerät durchaus an Grenzen. Die Versorgung instabiler Patienten während des Transports kann nicht bei allen Modellen gewährleistet werden.

Die Luftrettung ist von „gutem Wetter“, d.h. insbesondere ausreichenden Sichten und ausreichend hohen Wolkenuntergrenzen, abhängig, da nach Sichtflugregeln („Sehen und gesehen werden“) geflogen wird.

Dunst, Nebel, niedrige Hauptwolkenuntergrenzen und auch starker Wind lassen Einsätze schlicht nicht zu.

Ferner sind insgesamt eher wenige Luftrettungsmittel für den Nachtflug geeignet und noch weniger zugelassen – Nachts sinkt die Verfügbarkeit enorm ab und ist mit bisweilen sehr langen Vorlaufzeiten verbunden.

Beispiel: der ITH „Christoph Gießen“ ist nachts für die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zuständig.

Ausstattung und Typen

Rettungshubschrauber (RTH)

Der Rettungshubschrauber ist das Pendant zum NAW – er ist für Primäreinsätze ausgelegt und führt Sekundäreinsätze eher selten durch.

Die Ausstattung orientiert sich im Wesentlichen an der eines RTW/NAW – die Modelle sind die meist kleineren Luftrettungsmittel.

Intensivtransporthubschrauber (ITH)

Ähnlich dem ITW gibt es in der Luft den ITH. Dieser ist in erster Linie für Sekundäreinsätze und somit den Transport intensivpflichtiger Patienten vorgesehen, auch über größere Distanzen. Intensivtransporthubschrauber haben regelmäßig auch die Zulassung zum Nachtflug.

Statt rein notfallmedizinischem Equipment wird vor allem auch intensivmedizinisches Equipment vorgehalten – so zum Beispiel entsprechende Beatmungsgeräte und eine größere Anzahl an Spritzenpumpen und Medikamenten.

Durch das zusätzliche Equipment werden hier meist größere Hubschraubermodelle bevorzugt.

„Dual-Use-System“

Das Dual-Use-System beschreibt die doppelte Nutzung von Luftrettungsmitteln für Primär- und Sekundäreinsätze. Es handelt sich somit um eine Kombination aus RTH und ITH.

Meist werden Intensivtransporthubschrauber hier zusätzlich zu Primäreinsätzen herangezogen; seltener gibt es für den Einsatzzweck extra konzipierte „Dual-Use-Hubschrauber“

Besetzung

Ein Luftrettungsmittel – egal ob RTH oder ITH – ist immer mit mindestens drei Personen besetzt.

Ein Pilot ohne medizinische Qualifikation gehört grundsätzlich dazu – meist kommen diese aus der Bundeswehr oder den polizeilichen Flugdiensten, seltener aus dem Zivilbereich. Im Allgemeinen wird eine Flugerfahrung > 1000 Stunden auf turbinengetriebenen Hubschraubern vorausgesetzt. Je nach Einsatzprofil werden auch zwei Piloten eingesetzt.

Der Notarzt muss zwingend die Voraussetzungen für den Notarztdienst im Allgemeinen erfüllen. In aller Regel werden im Luftrettungsdienst allerdings nur Fachärzte aus entsprechenden notfallmedizinischen Fachgebieten (allen voran die Anästhesiologie) eingesetzt. Die Zusatzqualifikation für den Intensivtransport bzw. die Zusatzbezeichnung Intensivmedizin ist fast schon obligat. An einigen Standorten werden nur Oberärzte in der Luftrettung eingesetzt.

Der „Rettungsdienstler“ im Team ist der HEMS-TC – ein Notfallsanitäter mit zusätzlicher Ausbildung, der die Schnittstelle zwischen Luftfahrtpersonal und medizinischem Personal bildet.

Der HEMS-TC

Voraussetzungen

Um als Rettungsdienstler in die Luftrettung zu kommen, ist die erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zum Notfallsanitäter obligat – ebenso eine mehrjährige Berufserfahrung.

Die Stellen in der Luftrettung sind vergleichsweise rar und sehr beliebt. Es ist einer der wenigen Fälle, wo auch ein Notfallsanitäter mit erheblicher Konkurrenz rechnen und leben muss.

Die Luftrettungsbetreiber haben die Qual der Wahl – und entsprechende Kandidaten für die Qualifizierung zum HEMS-TC suchen sie äußerst bedacht aus. Professionelles, routiniertes leitliniengerechtes Arbeiten und über den Standard liegendes Fachwissen sind genauso unabdingbar wie Soft Skills – und selbst dann muss man noch „ins Team passen“.

Praktikantenschichten vor Beginn der Qualifikation sind üblich.

Die Absolvierung nationaler und internationaler Zertifikatskurse wie AMLS, PHTLS, ERC-ALS/AHA-ACLS o.ä. wird von einigen Betreibern vorausgesetzt.

Ausbildung

Die Ausbildung zum HEMS-TC erfolgt in der Regel durch die Luftrettungsbetreiber. Sie umfasst über 50 Stunden theoretische Schulung und ein entsprechendes Praxistraining – sowohl am Hubschrauber, als auch im Simulator.

Neben medizinischen Themen wie Flugphysiologie, Notfallmedizin und Besonderheiten der Luftrettung stehen auch „Luftfahrtthemen“ wie Luftrecht, Technik und Navigation auf dem Lehrplan.

Ausbildungen, die andere Anbieter offerieren, werden von den Luftrettungsbetreibern in der Regel nicht anerkannt.

Häufig erfolgt zusätzlich ein Intensivtransportkurs.

Einsatz

Der HEMS-TC fungiert sowohl als „rechte Hand des Piloten“ wie auch als „rechte Hand des Notarztes“. So unterstützt er nicht nur beim Abarbeiten der Checklisten, bei der Navigation, der Luftraumbeobachtung oder dem Sprechfunk, sondern nimmt auch die klassischen Aufgaben eines NFS wahr.

Die meisten Luftrettungsstationen sind nur tagsüber besetzt und die Dienstzeiten richten sich meist nach Sonnenauf- und Untergang. So sind die Schichten im Sommer oftmals wesentlich länger als im Winter.

Insgesamt wird man als HEMS-TC – dank wesentlich größeren Einsatzgebiet und entsprechender Anforderungswahrscheinlichkeit – auch regelmäßig mit deutlich selteneren und auch schwerwiegenderen Verletzungen und Krankheitsbildern konfrontiert.

So besteht in entsprechenden Situationen, wie z.B. bei der Versorgung von Schwerbrandverletzten oder der Assistenz bei einer Thoraxdrainage, eine erheblich größere Routine.

Background-Info

„Diesel statt Doktor“

Scherzhafte Umschreibung der „Load-and-Go“-Versorgungsstrategie; Transport hat höhere Priorität als medizinische Versorgung an der Einsatzstelle

Primäreinsatz

Einsatz zur medizinischen Erstversorgung bei Notfällen, d.h. der Patient war noch nicht stationär in einem Krankenhaus aufgenommen.

Sekundäreinsatz

Verlegung von einem Krankenhaus in ein anderes Krankenhaus (Interhospitaltransfer).

HEMS-TC

Helicopter Emergency Medical Service Technical Crew Member“ – ugs. Luftrettungsassistent bzw. Notfallsanitäter in der Luftrettung.

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